
zwei nach zwölf. Gespräch über Gott und die Welt
By Katholische Akademie in Berlin e.V.
Nicht pünktlich und aktuell, sondern rechtzeitig zu spät und auf den Punkt. Kurz und knapp, Erde und Himmel im Blick. Immer wieder mittags zwei Minuten nach 12. Eine Unterbrechung des Tages, mit interessanten Gästen auf eine kurze Stunde nur…

zwei nach zwölf. Gespräch über Gott und die WeltMay 03, 2021

Meron Mendel: Über Israel reden. Eine deutsche Debatte
„Von der Ruhrtriennale bis zur documenta fifteen, vom Jüdischen Museum in Berlin bis zum Ökohaus in Frankfurt – jedes Mal melden sich dieselben Leute mit denselben Argumenten zu Wort. Während das eine Lager sich den Kampf gegen Antisemitismus auf die Fahne schreibt, behauptet die Gegenseite, Meinungsfreiheit und Menschenrechte zu verteidigen.“
Meron Mendel, Über Israel reden. Eine deutsche Debatte, Köln 2023, 78
„Wird es jemals möglich sein, hier in Deutschland eine sachliche Debatte über Israel zu führen?“ – fragt Meron Mendel zum Schluss seines Buches „Über Israel reden. Eine deutsche Debatte, Köln 2023“. Ja, es wird möglich sein, aber eben nur, wenn wir endlich lernen, das Lagerdenken zu überwinden und Widersprüche in unseren und fremden Positionen auszuhalten und ein wirkliches Interesse an der Lösung von realen Konflikten im Nahen Osten zu haben.
Was dies konkret heißt, analysiert Meron Mendel u.a. am Streit um den BDS, dem Verhältnis von Antisemitismus und Postkolonialismus (z.B. Achille Mbembe), dem Verhältnis der europäischen Linken zu Israel und dem Zweiten Historikerstreit. Wer besser verstanden hat, wie der deutsche Blick auf Israel entstanden ist, darf sich nicht damit begnügen, nur auf der richtigen Seite der Geschichte stehen zu wollen. Das ist nur eine wichtige Einsicht, die man aus diesem Buch ziehen wird.
Meron Mendel ist Publizist, Historiker, Pädagoge. Er ist Professor für Soziale Arbeit an der Frankfurt University of Applied Sciences und Direktor der Bildungsstätte Anne Frank.

Nikodemus Schnabel: Außenpolitik und Religion. Aktuelle Herausforderungen
„Wir verstärken (…) den Bereich Religion und Außenpolitik.”
Koalitionsvertrag
Religionen sind ebenso ein politischer Konflikt- wie ein Friedensfaktor, woraus unschwer folgt, dass Außenpolitik auf religiöse Expertise nicht verzichten kann. Auf welchem Weg sichert sich die Außenpolitik dieser Expertise? Sind sich die Religionen ihrer politischen Versöhnungskraft bewusst, und wie realisiert sich diese in internationalen Beziehungen? Wie lässt sich die Aufmerksamkeit für dieses Feld verstetigen? Über diese Fragen spreche ich mit Nikodemus Schnabel, dem neuen Abt der Dormition Abbey in Jerusalem. Dass wir auch über die politische und religiöse Lage in Israel sprechen werden, versteht sich von selbst. Von Oktober 2018 bis Oktober 2019 war Schnabel als Berater in dem damals geschaffenen Referat „Religion und Außenpolitik“ im Auswärtigen Amt in Berlin tätig.
Nikodemus Schnabel ist Abt der Benediktinerabtei Dormitio in Jerusalem und Direktor des Jerusalemer Instituts der Görres Gesellschaft (JIGG). In seinem Podcast „Wie mir der Schnabel gewachsen ist“ spricht er über seinen Glauben und sein Leben in Jerusalem.

Ludwig Ring-Eifel: Weit mehr als Symbolpolitik. Päpstliche Friedensreisen & vatikanische Diplomatie
Ob in den Irak 2021 oder wie jüngst in den Südsudan und in den Kongo – über die Apostolischen Reisen von Papst Franziskus wird ausführlich und bildkräftig in den Medien berichtet. Kaum einer aber weiß, was sie wirklich bewirken. Vielen gelten Papstreisen als bloße Symbolpolitik, aber genau das ist ein Irrtum. Mit dem langjährigen Chefredakteur der KNA Ludwig Ring-Eifel (Rom) spricht Joachim Hake über die realen Wirkungen der Friedensreisen des Papstes, über vatikanische Diplomatie und über die Pflege internationaler Beziehungen, die aus der Kraft der Religionen lebt. Ludwig Ring-Eifel war von 2005 bis 2022 Chefredakteur der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Seit 2022 ist er Leiter des Centrum Informationis Catholicum (CIC) in Rom.

Sebastian Kleinschmidt: Der Hoffnung eine neue Heimat geben
Joachim Hake im Gespräch mit Sebastian Kleinschmidt.
Ein apokalyptischer Ton durchzieht die Gegenwart. Spiritualität, insbesondere wenn sie auf Hoffnung setzt, muss sich dem Verdacht der Weltfremdheit stellen. Aber warum Religion nicht als bereichernde Vorstellung annehmen, als metaphysisches Imaginarium? Narrativ durchmisst Sebastian Kleinschmidt die Annahme, dass Gott und die Erlösung möglich sind, und gibt der Hoffnung eine neue Heimat. Sebastian Kleinschmidt, Herausgeber und Essayist, Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland, geboren 1948 in Schwerin. Er studierte Philosophie und Ästhetik und war von 1991 bis 2013 Chefredakteur der Zeitschrift Sinn und Form. Bei Matthes & Seitz Berlin veröffentlichte er die Essaybände "Gegenüberglück" (2008) und "Spiegelungen" (2018). Im Claudius-Verlag erschien 2022 sein neues Buch "Kleine Theologie des Als ob".
Keywords:
Theologie, Gott, Glaube, Wissen, Wissenschaft, Dom, Liebe, Erbsünde, Gottesflucht, Atheismus, Metapher, Metaphernsturm, Schwerin, DDR, Lutz Seiler, Christian Lehnert

Angelo Bolaffi: Giorgia Meloni. Zum deutsch-italienischen Verhältnis
„Italien ist“ – so der italienische Politikwissenschaftler Angelo Bolaffi – „eher eine Gemeinschaft von konservativen Anarcho-Individualisten. Italiener kümmern sich um ihre eigenen familiären und geschäftlichen Interessen.“ Nun wurde in Italien die Postfaschistin Giorgia Meloni (Fratelli d ‘Italia) zur ersten Ministerpräsidentin gewählt.
Angelo Bolaffi ist einer der besten Kenner deutscher Politik in Italien. Mit ihm spreche ich über die aktuelle Situation in Italien: Welche Bedeutung hat der Postfaschismus in Italien? Wie steht es um die politischen Eliten, die Parteienlandschaft und die Verwaltung? Wie wird sich das deutsch-italienische Verhältnis entwickeln und mit welchen Folgen für Europa?
Keywords:
Italien, Deutschland, Politik, Geschichte, Gegenwart, Zukunft, Gesellschaft, Faschismus, Postfaschismus, Rechtspopulismus

Gerald Knaus: Wir und die Flüchtlinge
Gespräch vom 14.12.2022
Flüchtlingspolitik in Europa ist – so Gerald Knaus – eine Politik der Gewalt. Hier Tote im Mittelmeer, Misshandlungen durch Staatsorgane und Pushbacks, dort Menschen, die (wie bei der russischen Invasion der Ukraine oder im Syrienkrieg) als politische Waffe instrumentalisiert werden, um die Angst vor einer „unkontrollierten Massenmigration“ zu schüren. Joachim Hake spricht mit seinem Gast darüber, ob angesichts dieser Gewaltsituation eine überzeugende und umsetzbare Strategie humaner Grenzkontrolle möglich ist.
Gerald Knaus ist Gründungsdirektor der Denkfabrik European Stability Initiative (ESI) und Gründungsmitglied des European Council on Foreign Relations. Letzte Veröffentlichungen: "Wir und die Flüchtlinge" (Brandstätter Verlag, 2022) und "Welche Grenzen brauchen wir?" (Piper-Verlag, 2020).
Keywords:
Politik, Migration, irreguläre Migration, Flüchtlinge, Geflüchtete, Menschenrechte, Grenzen, Frontex, Pushbacks, ONHCR, Resettlement, Europäische Union (EU), Victor Orban, Sebastian Kurz, Syrien, Griechenland, Kanada, Österreich, Deutschland

Johannes Hoff: Verteidigung des Heiligen. Anthropologie der digitalen Transformation
Verwüstung geistiger Vielfalt, emotionale und geistige Verwahrlosung sind die Klimafolgen der digitalen Transformation und lassen den Sinn für das Heilige erodieren. Die Würde des Menschen wie das Heilige sind gleichermaßen bedroht und fordern ein radikales Umdenken – so die These von Johannes Hoff in seinem ebenso streitbaren wie gelehrten Buch „Verteidigung des Heiligen. Anthropologie der digitalen Transformation“, Herder 2022.
Mit Johannes Hoff spreche ich über holistische Theologie und Spiritualität und über die (fatalen) Dualismen der Moderne im Zuge ihrer Konzepte von Wissenschaft, Rationalität und geistiger Autonomie. Und wir sprechen über die Not von Wahrnehmung und Erinnerung und vor allem über die Frage: Welche geistigen Haltungen und spirituelle Selbsttechnologien können uns helfen, das Heilige zu verteidigen?
Prof. Dr. Johannes Hoff ist nach Lehr- und Forschungstätigkeit in Tübingen und ordentlichen Professuren in London und Wales seit 2020 Professor für Dogmatik an der Universität Innsbruck, außerdem Honorarprofessor an der University of Durham und Senior Research Associate an der University of Cambridge.

Felicitas Hoppe: „Ich komme aus einer katholischen Familie von Tag- und Nachtträumern“
Felicitas Hoppe ist als drittes von fünf Kindern schlesischer Flüchtlinge in der katholischen Diaspora Niedersachsens aufgewachsen. Das Katholische prägt ihre Literatur, aber als katholische Schriftstellerin möchte sie sich nicht bezeichnen. Mit ihr spreche ich über ihren – wie sie einmal schreibt – „vermutlich leichtfertigen, also ziemlich katholischen“ Umgang mit Literatur und Religion, über die katholische Welt der Liturgie, über Schutzpatrone und Heilige, über das „Ohr Gottes“, den Balken im eigenen Auge, die Plätze am runden Tisch des Abendmahls und das Jüngste Gericht.
Und über Träume, denn sie stammt aus einer Familie „von schlesischen Vielrednern auf der Flucht, die auch ihre Träume einander nicht vorenthielten.“ Wobei sich die dringende Frage stellt, von was für einem Katholizismus wir heute eigentlich träumen?
Felicitas Hoppe lebt als freie Schriftstellerin in Berlin. Seit 1996 veröffentlicht sie Erzählungen, Romane, Kinderbücher und Feuilletons; sie ist auch als Übersetzerin tätig. Sie ist Trägerin des Georg-Büchner-Preises und Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Zuletzt erhielt sie ein Ehrendoktorat der Leuphana Universität Lüneburg. Veröffentlichungen u.a.: Die Nibelungen. Ein deutscher Stummfilm (2021, S. Fischer-Verlag); Fährmann, hol über! Oder wie man das Johannesevangelium pfeift. Mit einem Essay von Thomas Brose erscheint (2021, Herder-Verlag) und Fieber 17 (2021, Dörlemann Verlag).
Tags:
Katholizismus, ökumenisch, Bad Pyrmont, Krise, Kirche, Glaube, Religion, Schlesien, Literatur, Vertrauen

Ulrich Lehner: Katholische Aufklärung. Und die Kirche heute
Wie kann ich katholisch und gleichzeitig modern sein? Diese Frage wurde nicht erst im Zweiten Vatikanischen Konzil gestellt, sondern in der Katholischen Aufklärung des 18. Jahrhunderts. Der Rückzug der katholischen Kirche in ein intellektuelles Ghetto nach den Erfahrungen der Französischen Revolution und die anschließende Abwehrstellung der Kirche gegen die Moderne hat die Katholische Aufklärung vergessen lassen.
Mit seinem Gast Ulrich Lehner spricht Joachim Hake ich über die vergessene Geschichte der reformfreudigen Katholiken des 18. Jahrhunderts in Nord- und Südamerika, Europa und Asien, die gegen Aberglauben kämpften und für die Ideale von Demokratie, Gleichheit der Geschlechter und den Wert der Naturwissenschaften einstanden.
Die Katholische Aufklärung tanzte auf „vielen Hochzeiten“, aber nach Lehner macht dies gerade den Ernst und Reiz dieses Jahrhunderts aus, denn die Kirche war immer dann am kreativsten „wenn sie sich offen einem eklektischen Dialog mit der Kultur ihrer Zeit stellte“. Was bedeutet dies für die heutige Reform der Kirche?
Prof. Dr. Ulrich L. Lehner ist spezialisiert auf Religionsgeschichte und Theologie der Frühen Neuzeit, der Aufklärung und des 19. Jahrhunderts. Er ist Inhaber des William K. Warren Lehrstuhls für Theologie an der US-amerikanischen Universität von Notre Dame und Verfasser zahlreicher Werke, die in mehrere Sprachen übersetzt wurden. Veröffentlichung u.a. Die Katholische Aufklärung - Weltgeschichte einer Refombewegung, Schöningh-Verlag 2017 und Gott ist unbequem - Eine Herausforderung, Herder-Verlag 2019.

Heinz Schilling: Das Christentum und die Entstehung des modernen Europa
War das Christentum zu Beginn der Neuzeit in Fundamentalfeindschaft zerrissen und Grund schwerer Konflikte, nahm es im Verlauf des 30jährigen Krieges eine Wende zu Frieden und rechtlicher Anerkennung. Es ebnete damit dem pluralen Europa der Gegenwart den Weg.
Heinz Schilling nimmt uns mit auf eine eindrucksvolle Zeitreise von der Reformation bis in die beginnende Moderne. Er erzählt anhand zahlreicher Beispiele, wie aus der einen lateinischen Christenheit das multikonfessionelle Europa der Frühen Neuzeit hervorging. Er schildert die Machtkämpfe um das Verhältnis von Politik und Kirche und veranschaulicht, wie diese Konflikte die weltanschauliche Pluralität der Moderne hervorbringen – ein Prozess, der unsere Welt bis heute entscheidend prägt. Sein neues Werk ist eine fesselnde und der Öffentlichkeit weitgehend unbekannte Entstehungsgeschichte der modernen Welt aus den Wurzeln des Christentums, in der sich der Autor einmal mehr als ein Meister seines Fachs erweist.
Heinz Schilling ist em. Professor für Europäische Geschichte der frühen Neuzeit an der Humboldt-Universität zu Berlin. Zuletzt publiziert: Das Christentum und die Entstehung des modernen Europa, Herder 2022, 1517 – Weltgeschichte eines Jahres, C.H. Beck Verlag 2017 (Italienische Übersetzung: Rovereto 2017) und Martin Luther. Rebell in einer Zeit des Umbruchs. Eine Biographie, C.H. Beck Verlag 2016 (4. Aufl. 2017).
Shownotes:
Das Christentum muss in die Welt wirken und sich in ihr bewähren.
Tags:
Katholische Kirche, Evangelische Kirche, Orthodoxie, Judentum, Pluralismus, Vielheit, Säkularisierung, Minderheiten, Konfession, Freiheit, Luther, Calvin, Moderne, Aufklärung, Reformation, Staatenbildung, Frühe Neuzeit, Mittelalter, Gegenwart, Religion und Politik, Krieg in der Ukraine, Migration, Migrationskirche, Synodaler Weg

Detlef Pollack: Religion und Moderne. Und die Kirchen?
„Ich habe eine hohe Meinung von den Kirchen.“ Detlef Pollack
Die Bedeutung des Christentums in Deutschland geht zurück. Immer mehr Menschen fremdeln mit der Kirche, nicht nur in Deutschland, sondern weltweit und über die Konfessionen hinweg. Die Coronakrise und vor allem der Missbrauchsskandal in der Katholischen Kirche lassen das Vertrauen in die Kirche weiter drastisch zurückgehen. Anlässlich der im März 2022 erscheinenden Neuauflage des Buches von Detlef Pollack und Gergely Rosta, Religion und Moderne (2015, 2022) spricht Joachim Hake mit dem Religionssoziologen Detlev Pollack über die (schwindende) Kraft der Kirchen im Horizont der Frage nach Religion und Moderne.
Detlef Pollack arbeitet empirisch, historisch und theoretisch – wie er schreibt – „multiparadigmatisch“. Er ist grundsätzlich skeptisch gegenüber allzu weiträumigen Großerzählungen und legt konkrete Fallstudien zu Ländern wie Italien, Niederlande, Deutschland, Polen, Russland, USA, Südkorea und Brasilien vor. Dabei macht er erstaunliche Entdeckungen, über die Schwächung und Stärkung religiöser Bindungen.
Shownotes
Religion leistet die Unterscheidung von Immanenz und Transzendenz und die Symbolisierung der Transzendenz in der Immanenz.
Wie wird das Transzendente lebensweltlich relevant? Nicht dadurch, dass es sich als das Transzendente selber zeigt, sondern indem es sich symbolisiert. Wir sprechen auch von Codes oder von Chiffren. Das heißt, dass die Transzendenz durch die Unterscheidung zwischen dem Profanen und dem Heiligen irgendwo auch zu einem Bestandteil der Immanenz wird und dadurch eben auch erfahrbar, kommunizierbar, erlebbar, also etwas, was den Menschen bewegen kann. Die Grundidee der katholischen Kirche verstehe ich genauso: Es ist eben nicht nur die Transzendenz, von der gesprochen wird, sondern man spricht auch von der heiligen Kirche, an die man glauben kann, und in der sich irgendetwas von dieser Transzendenz manifestiert. Und wenn es sich nicht manifestiert, dann hat die Kirche ein Problem, dann gibt es möglicherweise auch die Anfrage, inwieweit sie überhaupt ihrem Anspruch gerecht wird.
Wir haben in den letzten Jahren in vielen Ländern, die wir in unserem Buch als religiös relativ stabil und vital dargestellt haben, dramatische Prozesse der Entkirchlichung und Säkularisierung festgestellt, also in den USA, in Italien, in Polen, in Irland. Man könnte weitere Länder aufführen. In den USA ist inzwischen der Anteil derjenigen, die sich als nicht religiös bezeichnen in etwa so hoch wie in Westdeutschland. Etwa ein Drittel der Amerikaner, sagen, sie können mit Religion nichts anfangen.
Wir können in Westeuropa eigentlich kaum Phänomene beobachten, die die These der sogenannten Markttheorie bestätigen, nämlich das mit einer Erhöhung des Grades der erhöhten Pluralität auch die Vitalität der Religion ansteigt. Das Gegenteil ist der Fall: Wir haben in Europa eine zunehmende religiöse Pluralität, aber das Religiositätsniveau sinkt nach wie vor.
Die katholische Kirche kann sich reformieren und reformieren und reformieren und zeigen, wie wandlungsfähig sie ist, und trotzdem wird dieser Abwärtstrend ganz gewiss nicht gestoppt werden können.
Die Mehrheit derjenigen, die die katholische Kirche für ihre derzeitige Gestalt kritisieren, haben eine unglaublich starke Kirchenbindung.
Ich kann mir keine katholische Kirche vorstellen, die sich nicht über ihren Anspruch auf Heiligkeit definiert.
Die Institution kann zur Fessel werden, aber sie ist auch ein Ermöglichungsraum. Und davon lebt nicht nur der fromme konventionelle Kirchenchrist, davon leben auch die Kritiker an der Kirche. Auch sie nutzen die Kanäle der Kirche, auch sie profitieren davon, dass die Kirche so viel Infrastruktur bereitstellt, wie das der Fall ist.

Annette Schavan: Weltkirche – politisch und diplomatisch
Die Katholische Kirche ist der älteste globale Player der Welt. Da verwundert es, dass katholische Weltkirche vor allem als religiöse Größe wahrgenommen wird und oftmals Unkenntnis über ihr politisches und diplomatisches Wirken besteht?
Mit Annette Schavan spricht Joachim Hake über ihre Arbeit als Botschafterin in Rom und die einzigartigen Chancen der Diplomatie des Heiligen Stuhls, über die theologische Bedeutung Europas und die politische Bedeutung der Kurie wie der weltweit tätigen Orden und geistlichen Gemeinschaften wie Sant’ Egidio oder dem Souveränen Malteserorden.
Das Pontifikat von Papst Franziskus hat den Blick auf die Weltkirche tiefgreifend verändert. Nach Franziskus sollte sich Theologie hier als ein „kulturelles Laboratorium“ (Veritatis Gaudium 2017) verstehen, also auch als anspruchsvolle Deutung der religiösen und politischen Erfahrungen einer Weltkirche und ihrer Transformationen vor allem in Afrika und Asien. Was schließlich bedeutet diese Veränderung für die katholische Kirche in Deutschland und Europa?
Weitere Themen:
Dialog mit China, synodaler Weg, Barmherzigkeit, Volkskirche, Insolvenzrhetorik
Annette Schavan war 25 Jahre in Politik und Diplomatie tätig, u.a. als Bundesministerin für Bildung und Forschung (2005-2013) sowie als Botschafterin Deutschlands beim Heiligen Stuhl (2014-2018). Heute ist sie international tätig, nimmt seit 2014 eine Gastprofessur an der Shanghai International Studies University wahr, von wo aus Sie sich für den Dialog mit China einsetzt, und ist u.a. die Vorsitzende des Kuratoriums der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft in Berlin.

Detlev Ganten: Das Erbe der Charité
Anlässlich des 200. Geburtstags von Rudolf Virchow und Hermann von Helmholtz spricht Joachim Hake mit Detlev Ganten über die große medizinische Tradition der Gesundheitsstadt Berlin, über das Ineinander von Medizin, Öffentlichkeit und Politik, über ein ganzheitliches und soziales Verständnis von Gesundheit und Krankheit sowie über die Erfahrungen des World Health Summit, der nicht zufällig in Berlin gegründet wurde. Worin besteht das Erbe der Charité und wie werden wir ihm unter den Bedingungen der Corona-Pandemie gerecht?
Detlev Ganten ist ehem. Vorstandsvorsitzender der Charité, des Max Delbrück Centrum für Molekulare Medizin (MDC) Berlin-Buch und Gründungspräsident des World Health Summit. Er ist Autor zahlreicher Bücher, zuletzt zusammen mit Ernst Peter Fischer: "Die Idee des Humanen. Rudolf Virchow und Hermann von Helmholtz. Das Erbe der Charité", Hirzel Verlag, Stuttgart 2021.

Bénédicte Savoy: „Lass die Sachen ihren Weg gehen...“ Nach der Rückgabe von Raubkunst an Benin am 9.11.2021
Nach der Rückgabe von 26 Kunstwerken des „Schatzes von Behanzin“ durch die Französische Regierung von Emmanuel Macron an die Republik Benin spricht Joachim Hake mit Bénédicte Savoy über Afrikas Kampf um seine Kunst, das „Freilassen von Dingen“, ihr unerwartetes Eigenleben und ihre poetische Kraft, ihren Ort im Wandel und Fortschritt von Dekolonialisierungs-Diskursen, über die Zukunft der Museen und die Kräfte der Erinnerung, über die Grenzen der Steuerbarkeit und Kontrollierbarkeit und über das (adventliche) Glück, das wir nicht wissen, was uns in der Zukunft erwartet. Aber das ist gewiss: Es wird – so Bénédicte Savoy – „ein Vorher und ein Nachher geben.“
Bénédicte Savoy ist Professorin für Kunstgeschichte der Moderne an der Technischen Universität Berlin. Zuletzt: Afrikas Kampf um seine Kunst. Geschichte einer postkolonialen Niederlage (C.H. Beck, 2021) und Die Provenienz der Kultur (Matthes & Seitz, 2021). Mitherausgeberin von Beute. Ein Bildatlas zu Kunstraub und Kulturerbe (Matthes und Seitz, 2021).

Marica Bodrozic: Pantherzeit. Vom Innenmaß der Dinge
Als im Frühling 2020 die Welt im Corona-Lockdown zum Stillstand kommt, liest Marica Bodrožić zwei Monate lang Rilkes Gedicht „Der Panther“ von ihrem Balkon und stellt sich der Frage, was wir tun können, wenn wir gar nichts mehr tun können. Ihr Buch „Pantherzeit. Vom Innenmaß der Dinge“, Salzburg/Wien 2021 ragt aus der Corona-Literatur in seiner geistigen und geistlichen Kraft heraus. Es feiert die Langsamkeit und die Genauigkeit, weist ein in das Niederknien vor der Gnade und die Verwandlungen des Lebens. Und es ist ein Fest der Freiheit, denn: „Wilder als alles Vergängliche sei der Wunsch“ – so Marica Bodrožić – „des Menschen in Freiheit zu leben“.
Marica Bodrožić schreibt Gedichte, Romane, Erzählungen und Essays. Zuletzt u.a. Das Auge hinter dem Auge. Betrachtungen (Wien/ Salzburg 2015); Poetische Vernunft im Zeitalter gusseiserner Begriffe (Berlin 2017).

Massimo Faggioli: Joe Biden and Catholicism
Nach John Fitzgerald Kennedy ist Joe Biden der zweite Katholik, der zum Präsidenten der USA gewählt wurde. Welche Rolle spielt der Glaube in der Politik des bekennenden Katholiken Joe Biden? Wie steht es um den Katholizismus in der Kultur und Politik der Vereinigten Staaten in einer Zeit, in der die Katholische Kirche in den USA von starken Flügelkämpfen bestimmt ist?
Massimo Faggioli ist Professor für Theologie und Religionswissenschaft an der Universität Villanova, Pennsylvania. Zuletzt: Catholicism and Citizenship: Political Cultures of the Church in the Twenty-First Century (Liturgical Press, 2017), The Liminal Papacy of Pope Francis: Moving toward Global Catholicity (Orbis Books, 2020); Joe Biden and Catholicism in the United States (Bayard 2021).
Heinz Bude: Selbstoptimierung
Der eigene Lebensstil, Gesundheit, Arbeitsprozesse und vieles anderes mehr geraten immer mehr unter den Druck einer Selbstoptimierung. Dabei ist der Anspruch der Selbstoptimierung mit zahlreichen Ängsten verbunden, der Angst, nicht zu genügen, den Anschluss zu verlieren oder seine Bestimmung zu verfehlen. Die Selbstoptimierung macht – so Heinz Bude – eines unabweislich deutlich: Ich muss mein Leben führen! Wie aber will ich mein Leben führen? Und: Was für ein Leben will ich führen? Joachim Hake spricht mit Heinz Bude über die Notwendigkeit der Lebensführung in Zeiten der Selbstoptimierung.
Heinz Bude ist Professor für Makrosoziologie an der Universität Kassel. Zuletzt: Solidarität. Die Zukunft einer großen Idee (Hanser Verlag, 2019) und Aufprall (Hanser Verlag, 2020).

Aleida Assmann: Die Wiedererfindung der Nation
Warum fürchten wir die Nation und warum brauchen wir sie? So klar die Frage ist, so wenig offen und freimütig wird sie diskutiert. Bei vielen Intellektuellen steht der Begriff der Nation unter Generalverdacht. Im Gespräch mit Joachim Hake mahnt Aleida Assmann die Wiedererfindung einer Form von Nation an, die sich als demokratisch, zivil und divers versteht. Selbstaufklärung tut not. Es gilt, die Nation neu zu denken und sie gegen ihre Verächter zu verteidigen.
Aleida Assmann ist Professorin em. für Anglistik und Allgemeine Literaturwissenschaft an der Universität Konstanz. Zuletzt: Der europäische Traum (C.H. Beck 5. Auflage 2020) und Die Wiedererfindung der Nation. Warum wir sie fürchten und warum wir sie brauchen (C.H. Beck 2020).

Jörg Lauster: mit der Renaissance beginnen… DER HEILIGE GEIST
18.05.2021
Vom Geist Gottes geht seit jeher eine besondere Faszination aus, und Jörg Lauster hat seine Biographie von der Schöpfungsgeschichte bis zur Moderne geschrieben. Es ist – so Jörg Lauster – dabei vor allem die Renaissance, deren Deutung des göttlichen Geistes eine besondere Aufmerksamkeit verdient. „Der Mensch ist Ebenbild Gottes, weil er eingebunden ist in den Ab- und Aufstieg des göttlichen Geistes.“ Vom Geist berührt und angezogen realisiert der Mensch die schöpferische Kreativität Gottes im mächtigen Spiel von Freiheit und Authentizität, von Eros und Schönheit.
Jörg Lauster ist Professor für Systematische Theologie an der LMU München. Zuletzt: DER HEILIGE GEIST. Eine Biographie, München 2021, und „Die Verzauberung der Welt. Eine Kulturgeschichte des Christentums“, München 6. Aufl. 2020.

Gerd Schwerhoff: Verfluchte Götter. Die Geschichte der Blasphemie
Die Mohammed-Karikaturen von Charlie Hebdo, das Todesurteil über Salman Rushdie, blasphemische Hassreden – die Gotteslästerung ist kein Phänomen der Vergangenheit, im Gegenteil: Gotteslästerung und Schmähreden über die Religion prägen immer wieder die Kulturkämpfe der Gegenwart und werfen viele Fragen auf. Warum beleidigen Menschen Gott, Propheten oder Heilige? Und warum erregen diese Worte und Taten die Gemüter so sehr. Über diese und andere Fragen spricht Joachim Hake mit Gerd Schwerhoff, der mit seinem Buch „Verfluchte Götter. Die Geschichte der Blasphemie, Frankfurt am Main 2021″ eine erste umfassende Geschichte der Gotteslästerung vorgelegt hat. Blasphemie ist für ihn kein Thema von „vorgestern“, sondern lässt sich als „typische Signatur der Gegenwart“ lesen. Der Blick in die Vergangenheit hilft, diese „Signatur“ zu entziffern und besser jenes umstrittene Feld zu verstehen, das sich mit den Begriffen Macht, Religion, kulturelle wie religiöse Identität und Sakralisierung markieren lässt.
Gerd Schwerhoff ist Professor für die Geschichte der Frühen Neuzeit an der TU Dresden.

Bernd Stegemann: Die Öffentlichkeit und ihre Feinde
Die Öffentlichkeit ist zersplittert und weithin zerstritten. Bernd Stegemann analysiert die verschiedenen Blockaden der Öffentlichkeit und findet sie in den sozialen Netzwerken, den Populismen, Bio- und Identitätspolitiken und den Verkürzungen von Political Correctness, Cancel Culture und Wokeness. In der Klimakrise des Anthropozäns wird die Suche nach Transzendenz zur wichtigsten Anstrengung und damit die Klärung des Verhältnisses von Ökologie und Religion.
Bernd Stegemann, ist Dramaturg am Berliner Ensemble und seit 2005 Professor für Theatergeschichte und Dramaturgie an der Hochschule für Schauspielkunst »Ernst Busch«. Zuletzt: Die Öffentlichkeit und ihre Feinde, Stuttgart 2021; Die Moralfalle. Für eine Befreiung linker Politik, Berlin 2018.

Manuela Lenzen: Die Macht der Algorithmen
Von den Chancen und Risiken automatisierter Entscheidungen
21.04.2021
In immer mehr Lebensbereichen kommen Computeralgorithmen zum Einsatz, die Entscheidungen besser, objektiver und schneller machen sollen. Sie kennen weder menschliche Vorurteile noch Stimmungsschwankungen und können mehr Daten berücksichtigen als ein Mensch überschaut. Wie beeinflusst die automatische Entscheidungsfindung unser Selbstverständnis als freie Individuen? Schrumpft das Individuum zu einem Punkt in einer Datenwolke, den die Internetkonzerne besser kennen wollen als es sich selbst? Und was lernen wir aus dem Einsatz der „intelligenten“ Algorithmen darüber, was menschliche Entscheidungen ausmachen?
Manuela Lenzen schreibt als freie Wissenschaftsjournalistin über Digitalisierung, Künstliche Intelligenz und Kognitionsforschung. Zuletzt: Künstliche Intelligenz, Fakten, Chancen Risiken, München 2020.

Hedwig Richter: 150 Jahre Deutsches Reich. Im Streit der Interpretationen
Wie wird Geschichte erzählt und vor allem diejenige des Deutschen Reiches? Eine Frage, über die aktuell gestritten wird, was kein Nachteil ist. Im Gegenteil. Wer meinte, dass die Deutschen dem Kaiserreich weithin gleichgültig oder argwöhnisch achselzuckend gegenüber stünden, muss anerkennen: das Deutsche Reich ist Gegenstand eines Streits der Interpretationen, der viele Themen umfasst: die Geschichte der Demokratie, des Nationalismus und des Nationalsozialismus, des Ineinanders von kaiserzeitlichen Reform- und Beharrungskräften und von Inklusionen und Exklusionen. Einmal mehr wird die Wirksamkeit von historischen Konstruktionen und geschichtlichen Narrativen deutlich, die in einer demokratischen Kultur eine ständige Durchsicht und Relektüre verdienen. Wolfgang Schäuble hat erst kürzlich betont: „Manch aktuelle Debatte gewänne mit dem entsprechenden historischen Bewusstsein an Tiefenschärfe.“ Im Streit der Interpretationen geht es auch um diese „Tiefenschärfe“.
Hedwig Richter ist Professorin für Neuere und neueste Geschichte an der Universität der Bundeswehr München. Zuletzt: Aufbruch in die Moderne. Reform und Massenpolitisierung im Kaiserreich, Berlin 2021; Demokratie. Eine deutsche Affäre. Vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart, München 2020.

Jean-Pierre Wils: Sich den Tod geben. Suizid als letzte Emanzipation?
Über (das Recht auf) Suizid und assistierte Sterbehilfe wird auch in Deutschland leidenschaftlich diskutiert – nicht erst, seit das Bundesverfassungsgericht im Februar 2020 das Verbot organisierter Sterbehilfe für verfassungswidrig erklärte und das Recht auf selbstbestimmtes Sterben betonte.
Jean-Pierre Wils verneint diese Autonomie nicht, sieht die herrschende Dominanz einer Ethik der Freiheit aber kritisch: Könnte das Recht auf selbstbestimmtes Sterben nicht auch den Druck erhöhen, die vermeintlich vernünftige Entscheidung für den Suizid zu treffen, wenn unsere Erwartungen an uns selbst und das Leben, wenn Selbstoptimierung und Verwertbarkeit an ihre Grenzen kommen?
Wils plädiert eindringlich dafür, die Debatte in einem größeren Kontext zu führen, und bietet dafür auf der Basis seines profunden historischen Wissens Orientierung an. Seine These: Erst wenn wir wieder unsere Endlichkeit akzeptieren und sie der kulturellen Verdrängung und Amnesie entreißen, können wir zu einer angemessenen Diskussion über die Sterbehilfe kommen und eine zeitgemäße Politik des Sterbens entwickeln.
In seinem Geleitwort stellt Herbert Prantl das Buch von Jean-Pierre Wils "Sich den Tod geben. Suizid als letzte Emanzipation?" (Hirzel-Verlag, 2021) in den Kontext der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts vom Februar 2020 und schreibt:
„Aber: das höchste Gericht war bei seinem Sterbehilfe-Urteil zu giftbecherfixiert. Es hat dem Sterberecht zu viel und dem Lebensrecht zu wenig Raum gegeben. Das Gericht ist von einem klinisch-reinen, einem quasi-heiligen Sterbewillen ausgegangen. Es sind Vereinfachungen, die Jean-Pierre Wils in diesem Buch anschaulich beschreibt.“
Jean-Pierre Wils ist Theologe, Philosoph und Professor für Philosophische Ethik und Kulturphilosophie. Er lehrt an der Radboud-Universität Nijmegen.

Felix Körner SJ: Politische Religion. Theologie der Weltgestaltung - Christentum und Islam
Politik ist Weltgestaltung durch öffentliche Macht. Religion ist die Realisierung des Heiligen. Christentum wie Islam haben eine politische Dimension und damit stellt sich unabweislich die Frage einer Politischen Theologie.
Wie steht es um die Macht der Religionen im Wettstreit untereinander und mit der Politik?
Konkreter: wie genau sieht eine Politische Theologie aus, die auf die veränderten Religionsverhältnisse (Pluralisierung, Religion und Gewalt) reagieren kann? Wie unterscheiden sich die (öffentlichen) Weltgestaltungsansprüche von Christentum und Islam und wo finden sie ihre Grenzen? Welche Bedeutung hat all das für das Zusammenleben der Menschen?
Felix Körner skizziert mit seinem Buch: Politische Religion. Theologie der Weltgestaltung - Christentum und Islam, Herder 2020 die verschiedenen Dimensionen einer Politischen Theologie und legt mit seinem Buch auch eine „katholische Ekklesiologie“ vor, „die auch von den Zeugnissen der Muslime lernen will“.
Prof. Dr. Felix Körner SJ ist Professor an der Theologischen Fakultät der Päpstlichen Universität Gregoriana. Er studierte Islamwissenschaft, lebte in Ankara als Seelsorger und arbeitete an der dortigen muslimisch-theologischen Fakultät sowie am Fachbereich Philosophie der Middle East Technical University. Zur Zeit ist er Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin.

Nora Gomringer: Licht aus! – Über Corona und Kränkungen
Ein Gespräch mit Nora Gomringer über das Licht, das Angestrahltwerden und Leuchten, die Dunkelheiten der Bühne, über Talente und Gaben, über die Kränkungen und Verletzungen, die Corona einem zufügen und über die Wünsche von Künstlerinnen und Künstlern, wenn das Publikum fehlt. Und über vieles andere mehr… Nora Gomringer ist Lyrikerin und Performerin. Als Direktorin leitet sie das Internationale Künstlerhaus des Freistaats Bayern in Bamberg. Zuletzt u.a.: Gottesanbieterin, Voland & Quist 2020.
Das Gespräch führt Joachim Hake, Direktor der Katholischen Akademie in Berlin e.V.

Ulrike Ackermann „Das Schweigen der Mitte. Wege aus der Polarisierungsfalle“
Gesellschaftliche Polarisierung, emotional entgleisende Kulturkämpfe oder digitale Aufsplitterungen der Öffentlichkeiten u.v.a. mehr – die vielfältigen Krisenphänomene, die zu einem Verstummen der Mitte führen, liegen auf der Hand. Mit Ulrike Ackermann sprecht Joachim Hake über die gegenwärtige Lage bürgerlich-liberaler Intellektualität, über Ressentiments und Identitätspolitik und die Notwendigkeiten antitotalitärer Selbstaufklärung.
Prof. Dr. Ulrike Ackermann ist Politikwissenschaftlerin und Soziologin und leitet das John Stuart Mill Institut für Freiheitsforschung.

Ute Frevert „Mächtige Gefühle: Hass und Solidarität“
Gefühle machen Geschichte. Sie bewegen nicht nur einzelne Menschen, sondern ganze Gesellschaften. Politiker nutzen sie, können aber auch darüber stolpern. Ich spreche mit Ute Frevert über die mächtigen Gefühle, über ihre Geschichte und warum es gut ist, diese zu studieren. Joachim Hake spricht mit ihr über u.a. die Historizität von Gefühlen, über Stile und Techniken im Umgang mit ihnen und über die gegenwärtige Macht von Hass und Solidarität.
Prof. Dr. Ute Frevert ist Direktorin Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin und leitet dort den Forschungsbereich „Geschichte der Gefühle“. Autorin zuletzt u.a. von: Mächtige Gefühle. Von A wie Angst bis Z wie Zuneigung, Frankfurt am Main 2020.

Michael Butter „Nichts ist wie es scheint. Über Verschwörungstheorien – auch in Zeiten von Corona“
Verborgene Pläne. Konspirationen. Verdächtigungen. Von Verschwörungstheorien geht eine unheimliche Macht aus? Vor allem – so die öffentliche Wahrnehmung – in Zeiten allgemeiner Verunsicherung wie der Corona-Pandemie. Was sind Verschwörungstheorien? Warum glauben Menschen an Sie? Welche Rolle spielt das Internet? Über diese Fragen spricht Joachim Hake mit Michael Butter, dem Autor des vielgerühmten Buches „Nichts ist, wie es scheint. Über Verschwörungstheorien“, Berlin 2018.

Jeremias Schroeder OSB „Vergebung in der Krise“
„Wir werden in ein paar Monaten einander wahrscheinlich viel verzeihen müssen.“ Dieser Satz von Jens Spahn aus dem Frühjahr 2020 stellt über die Nöte der Corona-Pandemie hinaus die Frage nach der Bedeutung von zukünftiger Vergebung in Krisenzeiten. Vor allem jene, die in Krisen oft unabsehbar schwierige Entscheidungen zu treffen und zu verantworten haben, sind offensichtlich auf die Bereitschaft späterer Verzeihung angewiesen. Was aber bedeutet dies konkret im geistlichen und politischen Umgang miteinander? Wie kann der Gedanke zukünftiger Verzeihung hier und jetzt unser Handeln bestimmen?
Jeremias Schröder OSB war von 2000 bis 2012 Erzabt von St. Ottilien. Seit 2012 ist er Abtpräses der Benediktinerkongregation von St. Ottilien mit ca. 1.100 Mönchen weltweit.

Marko Martin „Dissidentisches Denken“
Marko Martin „Dissidentisches Denken. Reise zu den Zeugen eines Zeitalters, Berlin 2019“ ist eine Liebeserklärung an die Freiheit und den Mut des Denkens, an das Leben und Lesen in den Gewalterfahrungen und Umbrüchen des 20. Jahrhunderts. In emphatisch-essayistischen Porträts von Jürgen Fuchs, Melvin Lasky, Czesƚaw Miƚosz, Tomas Venclowa und vielen anderen wird das Wasserzeichen eines Denkens ansichtig, das den Herausforderungen von Gewalt und Unfreiheit ohne Moralismus, mit Sinn für Freundschaft und für die Not des Anderen zu bestehen versucht. In seinen Reisen erschließt Marko Martin verborgene Netzwerke an Freundschaften, in denen die unprätentiöse Maxime von Hans Sahl: „Gescheit sein und gütig – und nie das eine ohne das andere“ anerkannt ist und sich gegen die bornierte „Internationale der Einäugigen“ (Ralph Giordano) stellt.
Marko Martin lebt, sofern nicht auf Reisen, als Schriftsteller in Berlin. In der Anderen Bibliothek erschienen außerdem seine Bücher Schlafende Hunde und Die Nacht von San Salvador. Zuletzt bei Tropen: Die verdrängte Zeit. Vom Verschwinden und Entdecken der Kultur des Ostens, Stuttgart 2020.

Nora Bossong „Lest nicht die Times, sondern die Ewigkeiten“
„zwei nach zwölf. Gespräch über Gott und Welt“ heißt die neue Online-Gesprächsreihe der Katholischen Akademie in Berlin.
Nicht pünktlich und aktuell, sondern rechtzeitig zu spät und auf den Punkt. Kurz und knapp, Erde und Himmel im Blick. Immer wieder mittags. Eine Unterbrechung des Tages, mit interessanten Gästen auf eine kurze Stunde nur…
Joachim Hake beginnt die Reihe mit
Nora Bossong
über die Kraft des Moments und die Schutzzonen des Lebens, über Räume und das Wohnen, über das Verhältnis von leidenschaftlicher Liebe und Politik, über das Erzählen und die Erinnerung, über Umgangsformen und über die Schwierigkeit der Versöhnung.
Nora Bossong schreibt Romane, Lyrik und Essay. Zuletzt u.a. Schutzzone, Berlin 2019; Kreuzzug mit Hund. Gedichte, Berlin 2018; 36,9°, München 2015, im Juni 2021 erscheint: Auch morgen. Politische Texte, Berlin 2021.